Die Notwendigkeit einer funktionierenden Kreislaufwirtschaft ist in der modernen Industrie unumstritten, doch der Weg dorthin bringt in der Praxis viele komplexe Herausforderungen mit sich. Wie der Übergang von einer linearen Wertschöpfung hin zu geschlossenen Stoffkreisläufen konkret gelingen kann, stand im Mittelpunkt der Auftaktveranstaltung des Regionaldialogs Kunststoff unter dem Titel „Kreislaufwirtschaft in der Praxis: Vernetzt zum Ziel“. Am 9. Juli 2026 kamen dafür zahlreiche Akteure aus Wirtschaft und Wissenschaft am Innovationsstandort :metabolon in Lindlar zusammen.

Wissenschaft trifft Praxis: Strategische Ausrichtung
Nach der Begrüßung der Teilnehmenden führte Prof. Dr. Christian Wolf, Vizepräsident für Nachhaltigkeit der Technischen Hochschule Köln (TH Köln), mit seinem Impulsvortrag „Zirkuläre Wertschöpfung für Fortgeschrittene – Vom Business Case zur Skalierung“ in die thematischen Kernfragen ein. Er stellte dabei das Projekt :bergische rohstoffschmiede vor und verdeutlichte anhand von Best-Practice-Beispielen aus ZIM-Projekten (Zentrales Innovationsprogramm Mittelstand), wie angewandte Forschung als direkte Innovationschance für die regionale Wirtschaft genutzt werden kann.
Die Branchen-Herausforderungen: Zwischen Regulatorik und Marktrealität
In den anschließenden parallel laufenden Sessions zu
- Logistik – Rückführbarkeit & Transparenz, begleitet von Prof. Dr. Kathrin Hesse (TH Köln, Fakultät für Fahrzeugsysteme und Produktion) und Charlotte Joachimsthaler (Fraunhofer-Institut für Materialfluss und Logistik IML, Abteilung Nachhaltigkeit und Kreislaufwirtschaft) und
- Rezyklate & Sekundärmaterial – Qualität & Verfügbarkeit, begleitet von Prof. Dr. Simone Lake (TH Köln, Institut für Allgemeinen Maschinenbau) und Dr. Manuel Bickel (Wuppertal Institut für Klima, Umwelt, Energie gGmbH)
wurde deutlich, dass ambitionierte Nachhaltigkeitsziele in der Realität auf handfeste Herausforderungen stoßen. Die Teilnehmenden identifizierten dabei vor allem vier Kernbereiche, die Unternehmen aktuell beschäftigen:

Wirtschaftlichkeit und Kundenerwartungen: Trotz des Rufs nach grünen Produkten ist die Zahlungsbereitschaft auf Kundenseite für teurere Rezyklate oft gering. Gleichzeitig kämpfen Produzenten mit gestiegenen Rohstoffpreisen. Optische Abweichungen durch Recyclingmaterialien stoßen zudem noch immer auf Skepsis.
Logistik und Rückführung: Das Einsammeln und Sortieren gebrauchter Kunststoffe sind komplex. Es fehlt an transparenten Informationen zur Infrastruktur entlang der Lieferkette, und hohe Transport- sowie Prozesskosten belasten die Wirtschaftlichkeit.
Materialqualität: Schwankende Qualitäten bei Rezyklatchargen und Verunreinigungen erschweren die industrielle Weiterverarbeitung. Besonders in sensiblen Bereichen wie der Medizintechnik verhindern strenge Vorgaben oft den Einsatz von Sekundärrohstoffen.
Rechtliche Hürden: Das aktuelle Abfallrecht erweist sich häufig als unvollständig oder zu restriktiv. Die unklare Abgrenzung, wann ein Stoff als Abfall und wann als wertvolle Ressource gilt, sorgt für zusätzliche bürokratische Hürden.
Innovative Impulse für neue Geschäftsmodelle
Dass die Transformation dennoch große strategische Chancen bietet – etwa zur Risikominimierung in den Lieferketten und zur Unabhängigkeit von globalen Rohstoffmärkten –, zeigten die zahlreichen im „World Café“ erarbeiteten Lösungsansätze. Die Impulse reichten dabei von technologischen Innovationen bis hin zu völlig neuen Marktstrategien:
Nutzen statt Besitzen: Konzepte wie das Vermieten statt Verkaufen von technischen Kunststoffen ermöglichen es Unternehmen, die Kontrolle über ihre hochwertigen Materialien zu behalten.

Design for Recycling: Die Wiederverwertbarkeit muss von Anfang an mitgedacht werden. Ein konkreter Ansatz ist beispielsweise der bewusste Verzicht auf Oberflächenlackierungen bei Serienprodukten, um das spätere Recycling drastisch zu erleichtern.
Transparenz durch Technologie: Der digitale Produktpass beziehungsweise ein digitaler Zwilling wurden als Schlüsselwerkzeuge identifiziert, um lückenlose Nachweise über die Materialzusammensetzung zu liefern.
Regionale Materialplattformen: Durch den Aufbau lokaler Logistiknetzwerke können Produktionsreste von benachbarten Betrieben effizient gesammelt und direkt wiederverwendet werden.
Vom Dialog zur Allianz: So geht es weiter
Die Ergebnisse der Auftaktveranstaltung machen deutlich, dass kein Unternehmen die Kreislaufwende alleine bewältigen kann. Gefragt sind Kooperationen auf Augenhöhe und ein kontinuierlicher Wissenstransfer entlang der gesamten Wertschöpfungskette.

Um die erarbeiteten Ideen in die Tat umzusetzen, geht das Netzwerk bereits in die nächste Runde. Am Dienstag, den 10. November 2026, findet ebenfalls auf :metabolon in Lindlar die Folgeveranstaltung „Kooperationsallianzen der Kunststoffwirtschaft im Bergischen Rheinland“ statt. Zwischen 13:15 und 17:30 Uhr stehen dann konkrete Deep Dives und die Ausarbeitung gemeinsamer Umsetzungsprojekte auf der Agenda, um das regionale Branchennetzwerk weiter zu stärken.
