Fachdialog im NeRess-Netzwerk zu Kreislaufwirtschaft in der Kunststoffbranche: Zwischen Innovationskraft und Marktrealität

Die deutsche Kunststoffwirtschaft verfügt über exzellente Forschung und innovative Technologien – doch der Markthochlauf von Rezyklaten stockt massiv. Das Netzwerk Ressourceneffizienz (NeRess) des Bundesministerium für Umwelt, Klimaschutz, Naturschutz und nukleare Sicherheit (BMUKN), das VDI ZRE – Kompetenzzentrum für zirkuläre Wirtschaft und Ressourceneffizienz und die Deutsche Bundesstiftung Umwelt (DBU) luden am 15. September 2026 zu einem aktueller Branchen-Austausch zum Thema Herausforderungen und Erfolgsfaktoren für die Kunststoffkreislaufwirtschaft: Ansätze und Umsetzungsperspektiven ein. Vertreterinnen und Vertreter aus Politik, Wissenschaft und Wirtschaft beleuchteten die schwierige Situation der Branche und zeigten konkrete Lösungswege auf.
Als Initiative des BMUKN bündelt NeRess fachübergreifend und praxisorientiert Expertise und Erfahrungen im Themenfeld der Ressourceneffizienz und Kreislaufwirtschaft.

Begrüßung und Einführung

Die Kunststoffwirtschaft in Deutschland wird stark von kleinen und mittleren Unternehmen (KMU) geprägt, die trotz einer bereits hohen Verbreitung der Kreislaufwirtschaft unter starkem Druck stehen. Laut Dr.-Ing. Christof Oberender (VDI ZRE) haben KMU beim Einsatz von Rezyklaten mit hohen Kosten, schwankenden Verarbeitungsanforderungen und mangelnder Verfügbarkeit zu kämpfen. Abhilfe sollen hier Normung und Digitalisierung schaffen. Dr. Maximilian Hempel (DBU) betonte ebenfalls die Schlüsselrolle von KMU und Start-ups in stoffstromintensiven Bereichen. Er stellte fest, dass die sehr gute Zusammenarbeit zwischen Forschung und Wirtschaft zu selten erfolgreich am Markt umgesetzt wird. Um diese Prozesse zu unterstützen, setzt das Bundesumweltministerium laut Stefanie Schäfter (BMUKN) auf  die Nationale Kreislaufwirtschaftsstrategie (NKWS) und die Skalierung von Geschäftsmodellen sowie die entsprechende Umsetzungsplattform, welche zentrale Akteurinnen und Akteure aus Wirtschaft, Wissenschaft und Zivilgesellschaft einbindet.

Status quo: Hohe Innovationskraft trifft auf Marktprobleme

Rund 60 % der KMU in der Kunststoffbranche nutzen bereits Ansätze der Kreislaufwirtschaft. Deutschland nimmt damit in Europa bei der Produktion zirkulärer Kunststoffprodukte eine Spitzenposition ein. Dennoch steht die Branche vor einer paradoxen Situation: Die Kooperation zwischen Forschung und Unternehmen funktioniert hervorragend, aber die Umsetzung „kommt nicht auf die Straße“.
Dr. Christine Bunte (PlasticsEurope Deutschland) formulierte als übergeordnete Ziel des Verbands die klimaneutrale Kreislaufwirtschaft. Während der weltweite Kunststoffmarkt wächst, schrumpft er in der EU bezüglich Produktion und Transport. In Deutschland steigt zwar der Anteil zirkulärer Produkte (Basis: mechanisches Recycling), im Gesamten sind aber immer noch 70 % Nicht-Recycling-Ware. Da die Masse des Recyclings und der Verarbeitung außerhalb Europas stattfindet, forderte sie bessere Standortfaktoren, Anreize und eine schnelle Skalierung in Europa.

Zentrale Herausforderungen in der Wertschöpfungskette

Wirtschaftlicher Druck: Hochwertige Rezyklate sind in der Herstellung teuer. Gleichzeitig steckt die heimische Recyclingbranche in einer schweren Krise, die vermehrt zu Betriebsschließungen und Insolvenzen führt.
Verzerrter Markt: Recycler zahlen teilweise drauf, um Kunststoffe der thermischen Verwertung (Verbrennung) zuzuführen, anstatt eine Vergütung für die Sammlung und Aufbereitung zu erhalten.
Abwanderungsgefahr: Da ein Großteil des Recyclings und der Weiterverarbeitung mittlerweile außerhalb Europas stattfindet, droht die Gefahr, dass in Europa reguliert, die Skalierung jedoch im Ausland durchgeführt wird.

6 Hebel für einen selbsttragenden Rezyklatmarkt

Um den Markt für hochwertige zirkuläre Kunststoffe wettbewerbsfähig zu machen, stellte Prof. Dr. Henning Wilts (Wuppertal Institut) sechs entscheidende Erfolgsfaktoren vor:

  1. Grüne öffentliche Beschaffung: Verbindliche Quoten für Rezyklate bei Ausschreibungen auf Landes- und Kommunalebene stärken.
  2. Reduktion der Materialvielfalt: Weniger komplexe Materialkombinationen im Produktdesign erhöhen die Margen im Recyclingprozess.
  3. Flexibler Rezyklateinsatz: Volkswirtschaftlich effiziente Steuerung, wo der Einsatz von Sekundärrohstoffen den größten ökologischen Nutzen bringt.
  4. Schnellere Genehmigungsverfahren: Beschleunigung von Planungen für Recyclinganlagen durch gebündelte Expertise in den Behörden.
  5. Globales Level Playing Field: International harmonisierte Standards (z. B. bei EPR-Systemen) für den zirkulären Kunststoffeinsatz.
  6. Neue Geschäftsmodelle: Förderung von zirkulären Ansätzen wie Product-as-a-Service.

Die nächsten Schritte: Was jetzt zu tun ist

Im Panel diskutierten Dr. Bunte, Prof. Dr. Wilts, Dr. Dirk Textor (Dr. Textor Kunststoff GmbH /Dr. Textor Beratungsgesellschaft mbH‚ Vorsitzender Fachverband Kunststoffrecycling im bvse e.V.), Frau Eckey (Julia Eckey, Geschäftsführerin, Klimaschutz-Unternehmen. Die Klimaschutz- und Energieeffizienzgruppe der Deutschen Wirtschaft e. V.) Ansätze für eine wirksame Kunststoffkreislaufwirtschaft.

Insgesamt plädierten sie dafür, die Kreislaufwirtschaft nicht länger als reines Recyclingthema, sondern als Markt- und Skalierungsproblem zu begreifen. Ihre Vorschläge:

  • Gesamtheitliche Rezyklatquote schaffen: Gefragt ist eine übergreifende Marktstimulation. Hochwertige, Neuwaren  ersetzende Rezyklate müssen gestärkt werden – beispielsweise indem Verpackungsabfälle gezielt aufbereitet und in langlebigen High-End-Branchen (wie der Automobilproduktion) eingesetzt werden.
  • Innovationsökosysteme ausbauen: Alle Stakeholder der Wertschöpfungskette – vom Erzeuger über den Verarbeiter bis zum Recycler – müssen an einen Tisch gebracht werden, um praktische Hemmnisse gemeinschaftlich abzubauen.
  • Innovation und Akzeptanz: Deutschland muss auf ein Innovationsökosystem setzen, um eine Abwanderung der Industrie zu verhindern. Bei Endverbraucher:innen punkten Produkte, die Nachhaltigkeit mit hoher Qualität vereinen.

Bleiben Sie im Gespräch mit dem Netzwerk der :bergischen rohstoffschmiede und diskutieren Sie mit uns die nächsten Schritte, die Unternehmen aus der Kunststoffbranche im Bergischen Rheinland konkret angehen und in die Umsetzung bringen können.
Halten Sie sich jetzt schon den Termin des nächsten Regionalen Fachdialogs Kunststoff zum Thema: Kooperations-Allianzen der Kunststoffwirtschaft – Unternehmerische Chancen im Bergischen Rheinland in Ihrem Kalender fest. Er findet statt am 10. November am Innovationsstandort :metabolon in Lindlar.
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